FAZ: Ein Prosit auf das Risiko

Winand von Petersdorff, FAZ. Samstag, 22. November 2008

Lunch mit der Sonntagszeitung: Lauri Karp, KFP sals.a. Früher hat der Este deutschen Banken geholfen, Derivate zu verkaufen. Jetzt hat er eine Software entwickelt, die gefährliche Wertpapiere schneller erkennt. Er liebt die Mathematik, Schach und guten Rotwein.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
In diesen Herbsttagen ist Lauri Karp gerne in Frankfurt, des Wetters wegen. Auch wenn die Stadt am Main von kalten Herbstschauern erfasst wird, es ist hier immer noch wärmer als in seiner Heimat Estland, wo längst eisige Stürme über die Ebene pfeifen.

Er ist ein Wanderer zwischen zwei Welten: Seine Firma sitzt in Tallinn, seine wichtigsten Geschäfte und besten Kontakte macht er aber am Finanzplatz Frankfurt. Im Frankfurter Westend hat sich Karp eine Wohnung gemietet. Er ist dann doch häufig hier. Seine Firma KFP Salsa hat ihr Büro unweit der Alten Oper, viele Kunden sind in Laufweite.

So hat er es auch nicht so weit zum vorzüglichen Italiener "Osteria Divino", in dem wir uns treffen. Der vordere Gastraum ist gefüllt mit Bankern und Anwälten, wie immer. Nur, dass sie trauriger gucken und mehr Wein bestellen als sonst. Aber das ist nur ein flüchtiger Eindruck. Wir werden über einen Hinterhofgang zu einem weiteren Gastraum geführt.

Karp gehört zu den wenigen Spezialisten der Welt, die die kompliziertesten Finanzprodukte so erklären können, dass man sie zumindest im Ansatz begreift und ihre Toxizität einzuschätzen vermag. Er hat eine Neigung zur Finanzmathematik und liebt die Derivate umso mehr, je komplexer sie sind.

Ein Zufall ist das nicht, er mag es komplex: Bis zum 19. Lebensjahr haben Lauri und sein Zwillingsbruder Margo Karp intensiv Schach gespielt und Estland bei internationalen Wettbewerben vertreten.

Seit Jahren vermitteln die Brüder ihre Spezialkenntnisse über die Finanzproduktwelt vor allem Bankern, die solche Produkte verkaufen mussten, als es dafür noch viele Abnehmer gab. Deutsche Banken sind bisher ihre wichtigsten Kunden. Monopolisten sind KFP und die Gebrüder Karp zwar nicht auf dem Gebiet des Derivate-Trainings, aber Oligopolisten dann doch, freut sich Lauri Karp.

Er hat Ökonomie studiert, in Mannheim, der Stadt, die es einem leichtmacht, sich voll aufs Studium zu konzentrieren. Danach kam er zur Deutschen Bank. Die entsandte ihn zum Londoner Club, das ist ein Zusammenschluss privater Banken, die in den vergangenen Jahren die Verbindlichkeiten von Staaten umstrukturiert haben. Karp gehörte zu jenen, die mit Russland einen Erlass der Altschulden aushandelten. "Dabei habe ich sehr viel gelernt über Politik und über die Strukturierung von Schulden."
Danach wurde er nach Hause gerufen: Für ein Jahr ging er als Nothelfer zu einer estnischen Bank, in der schwarze Löcher und Schurkereien ans Tageslicht gekommen waren. Später gründete er mit seinem Bruder, der ebenfalls einen Teil seiner Karriere in Deutschland machte, die Beratungsfirma KFP.

Er wollte immer Unternehmer werden. Sein Vater war einer, und sein Schwiegervater ist einer der bedeutendsten Unternehmer in Estland.

Jetzt testet Karp eine neue Geschäftsidee: Die Karps haben von Programmierern in Tallinn eine Software schreiben lassen, die, grob gesagt, Kämmerer und Finanzchefs großer Kommunen und mittelständischer Unternehmen gegen bösen Überraschungen feit. Das Programm zeigt den Schatzmeistern an, wie sich ihre Finanzpositionen entwickeln - in guten, in schlechten und in ganz, ganz schlechten Tagen wie diesen.

In den 70er Jahren hatte das deutsche Optikergewerbe Werbefilme gedreht, die lustige Missgeschicke zeigten und mit der Reklameweisheit endeten: "Das wär mit Brille nicht passiert." Genauso sagt Lauri Karp, wären viele Missgeschicke mit seiner Schuldenmanagement-Software nicht passiert.

Zurzeit streiten in Deutschland große Kommunen wie Würzburg mit Banken, die ihnen sogenannte Zins-Swaps verkauft haben. Nachdem sie zunächst Gewinne einfuhren, müssen die Gemeinden jetzt Millionen draufzahlen, weil sie Risiken unterschätzten. "Das hätte nicht sein müssen", sagt Karp. Mit seinem Programm hätten die Kämmerer die Risiken viel früher erkannt.

Salsa ist ein internetbasiertes Programm. Es wird abonniert, von Reuters mit aktuellen Finanzdaten in Echtzeit versorgt und ist mit gewöhnlichen Finanzprogrammen kombinierbar. Esten können Kompliziertes schnell programmieren, das hilft den Karps.

Das baltische Land hat sogar das Recht auf einen Internetanschluss für jeden Bürger in seine Verfassung geschrieben. Nahezu jeder Haushalt ist schon ans Netz angeschlossen. Die Internettelefonie-Firma Skype hat hier ihre wichtigen Programme schreiben lassen, und Autofahrer können in Tallinn ihre Parkgebühr schon lange übers Handy begleichen.
Die Karps haben durch ihre Arbeit in Banken und durch ihre Seminartätigkeit in den vergangenen Jahren gute Kontakte nach Deutschland. So laufen die Geschäfte ganz gut an. Klar, es gibt bessere Zeitpunkte als jetzt, um ein Gewerbe in die Gänge zu bringen.

Doch andererseits verkauft Karp ein Heilmittel gegen unkalkulierte Risiken und Verluste. Danach sehnt sich jetzt jeder. Selbst Banken gehören inzwischen zu den Kunden, sagt er.
Außerdem: "In guten Zeiten kann jeder Geld verdienen. In schlechten Zeiten zeigt sich, wer ein wahrer Unternehmer ist." Tatsächlich sucht Lauri Karp nach Expansionsmöglichkeiten. "Kaufen, wenn das Blut in den Straßen fließt", heißt die Finanzbinsenweisheit, die einem Bankier der Rothschild-Familie zugeschrieben wird. Karp zitiert den Spruch und hebt sein Glas Rotwein.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.11.2008, Nr. 47 / Seite 51

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