Computerprogramm gegen das Verzocken

Rolf Obertreis, Bietigheimer Zeitung. Samstag, 31. Mai 2008

Viele Kommunen in Deutschland haben sich mit riskanten Finanzgeschäften verzockt und Millionenverluste aufgehäuft. Ein Geschäftsmann aus Estland will Städte künftig davor bewahren.

Frankfurt. Die Kontrahenten streiten sich vor Gericht. Zumindest die Stadt Würzburg hat einen Teilerfolg errungen, die Deutsche Bank soll 1 Mio. a zahlen, auf 2,6 Mio. a lautete die Forderung, weil sie angeblich nicht ausreichend auf Risiken hingewiesen habe. Die Bank hat Berufung eingelegt. Ähnliche Verfahren gibt es mit anderen Kommunen.

Hintergrund des Streits sind riskante Zinstauschgeschäfte – so genannte Zins-Swaps – die die Bank der Stadt Würzburg, vielen anderen Städten und auchUnternehmen verkauft hat. Nachdem zunächst Gewinne eingefahren wurden, müssen die Gemeinden jetzt Millionen draufzahlen, weil sie Risiken unterschätzt haben. „Das hätte nicht sein müssen“, sagt Lauri Karp. Der gebürtige Este und ehemalige Banker hat ein Finanz- und Schuldenmanagement- System entwickelt, mit dem Kommunen und Unternehmen Risiken vorab und einfach einschätzen können. Und dies für vergleichsweise wenig Geld.
Frankfurter

Karp, Geschäftsführer der Frankfurter KFPD GmbH, sitzt an seinem Rechner und zeigt, wie problemlos Daten moderner Finanzinstrumente, wie sie die Deutsche Bank verkauft hat, eingegeben und die Entwicklung von Zinszahlungen verfolgt werden kann – von satten Erträgen bis hin zu herben Verlusten. Dabei handelt es sich nicht um eine aufwendige Software, sondern um eine Internet-Plattform unter dem Namen „sals.a“. Hätte Würzburg diese Plattform gehabt, hätte es die Probleme nicht gegeben, behauptet Karp.

Denn auch die so genannten „Constant Maturity Spread Ladder Swaps“, auf die Dutzende Kommunen auf Anraten der Deutschen Bank gesetzt haben, können über die Internet-Plattform abgebildet und das maximale Risiko dargestellt werden.Und dies auf der Basis aktueller Marktdaten. Die Papiere nutzen den Unterschied zwischen kurz- und langfristigen Zinsen. Dabei wettet der Käufer, in diesen Fällen Kommunen, darauf, das sich die Differenz zu seinen Gunsten entwickelt. Das ging einige Jahre gut. Dann verkleinerte sich der Zinsunterschied: Hagen büßte dadurch rund 29 Mio. a ein, saftige Verluste gab es auch in Würzburg, Madgeburg und Dortmund.

Mit „sals.a“ – die Abkürzung steht für „sales assistant“ – können künftige Erträge, aber auch der maximale Verluste berechnet werden. Bei Kommunen und beiMittelständlern mit einem Umsatz von mehr als 10 Mo. a könnten dadurch nicht nur einzelne Produkte unabhängig von den Angaben der Bank vor dem Kauf, sondern auch das oft aus verschiedenen Finanzpapieren und Krediten zusammengesetzte Portfolio analysiert werden. „Per Knopfdruck zeigt sich, welche Folgen etwa die Verschiebung der Zinsstrukturkurve um einen Prozentpunkt nach unten oder oben hat.“

Solche Analysen würden ohnehin immer wichtiger, weil komplizierte Finanzprodukte und Derivate im Risikomanagement eine immer bedeutsamere Rolle spielen werden. „Das gilt angesichts der rapide steigenden Preise auch für die Absicherung von Währungs- oder Rohstoffpreisrisiken“, sagt Karp, der sieben Jahre lang bei einer Großbank im Derivategeschäft tätig war.

Mit dem deutschen Städtetag und vier großen Kommunen steht Karp bereits in Kontakt, ebenso mit Industrieverbänden.

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